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Das Geläute von St. Stephan eine Übersicht von Domarchivar Reinhard H. Gruber
Die berühmteste Glocke Österreichs, die im Nordturm von St. Stephan hängende Pummerin (eigentlich Marienglocke) ist die zweitgrößte Glocke Westeuropas.
"Pummerin" heißt die Glocke wegen ihres tiefen Schlagtons. Sie ersetzt die beim großen Dombrand 1945 zerstörte, aus erbeuteten türkischen Kanonen-Kugeln 1711 gegossene ca. 22.500 kg schwere, alte Pummerin. Die neue, in der Glockengießerei St. Florian in Oberösterreich gegossene, wiegt 21.383 kg, hat einen Durchmesser von 314 cm, eine Höhe von 294 cm samt der Krone. Die größte Wandstärke beträgt 23 cm.
Ihr ornamentaler Schmuck zeigt sechs Türkenköpfe auf den Armen der Henkelkrone und drei Bildreliefs: die Gottesmutter, eine Szene aus der Türkenbelagerung von 1683 und den Brand von 1945. Die Inschrift zum Türkenrelief besagt in deutscher Übersetzung: "Gegossen bin ich aus der Beute der Türken, als die ausgeblutete Stadt nach tapferer Überwindung der feindlichen Macht jubilierte. 1711.", die zweite, zum Brand des Domes gehörende: "Geborsten bin ich in der Glut des Brandes. Ich stürzte aus dem verwüsteten Turm, als die Stadt unter Krieg und Ängsten seufzte. 1945." und schließlich die Weiheinschrift: "Wiederhergestellt unter Kardinal Dr. Theodor Innitzer, über Bemühung von Heinrich Gleißner, durch den Werkmeister Karl Geisz; geweiht der Königin von Österreich, damit durch ihre mächtige Fürbitte Friede sei in Freiheit. 1951."
Oberhalb der Weiheinschrift befindet sich das Wappen der Republik Österreich, unterhalb eine Kombination aus verschiedenen Wappen. Die Pummerin (Schlagton c + 4/16) wurde am 5. November 1951 gegossen, am 26. April 1952 durch Kardinal Innitzer feierlich geweiht und im Oktober 1957 schließlich auf den Nordturm aufgezogen. Ihre Stimme erhebt sie mindestens zehn mal im Jahr und zwar zu folgenden Anlässen: Jahreswechsel, Osternachtfeier, Ostersonntag, Pfingstsonntag, Fronleichnam, Allerseelen, Hl. Abend, Stephanitag und zur Jahresschlußandacht, Domweihetag (23. April) sowie zu besonderen Anlässen (z. B. Tod / Ernennung des Papstes, Tod / Ernennung / Amtsübernahme des Erzbischofs, Begräbnis des Dompfarrers).
Neben der "Pummerin" gibt es noch 22 andere Glocken:
Drei historische Glocken stehen zu Füßen der Pummerin am Nordturm und werden nicht mehr geläutet, da sie klanglich nicht mehr zum Geläute der Kathedrale passen.
Der nördliche Heidenturm ist als einziger der Türme 1945 nicht ausgebrannt und so haben sich die dort befindlichen Glocken mit ihren klingenden Namen erhalten:
- Feuerin, 1859 gegossen; wurde bei einem Brand in der Stadt geläutet - Kantnerin, 1772 gegossen; rief die Kantoren zum Gottesdienst - Fehringerin, 1772 gegossen; wurde am Sonntag zum Hochamt geläutet (Namensdeutung unklar) - Bieringerin, 1772 gegossen; gab abends das Zeichen zur Sperrstunde für die Bierstuben im Umkreis des Domes - Arme Seelen Glocke, 1772 gegossen; wurde als Totenglocke verwendet - Churpötsch, 1772 gegossen; wurde zur Rosenkranzandacht geläutet (Der Name rührt wohl von einer Stiftung der erzbischöflichen Cur zu Ehren von Maria Pocs her.)
Schon früh kam nach der Wiedereröffnung des Domes der Gedanke auf, ein neues Festgeläute, das klanglich auf die Pummerin abgestimmt sein sollte, anzuschaffen. Allein, die nötigen Geldmittel fehlten. Der damalige Nationalratspräsident Leopold Figl nahm gemeinsam mit Dompfarrer Prälat Dr. Karl Raphael Dorr die Sache in die Hand und es gelang, Spender zu gewinnen. Dipl. Ing. Josef Pfundner in Wien schuf in seiner Glockengießerei das neue Geläute, den bildhauerischen Schmuck entwarf Prof. Carry Hauser. Ihre Heimstätte fanden die Glocken in der großen Glockenstube des Südturms, an der Stelle der alten Pummerin. Zusammen mit der Pummerin haben die elf Glocken ein Gewicht von insgesamt 32 000 kg und stellen damit das größte Geläute Österreichs dar. Die Kosten der neuen Glocken samt Läutemaschinen, Glockenstuhl und Renovierung der Glockenstube im Südturm beliefen sich auf damals rund eine Million Schilling.
Am Sonntag, dem 2. Oktober 1960, fand die feierliche Weihe des neuen Geläutes, der Riesenorgel und zweier Gedenktafeln in St Stephan statt. Im Mittelschiff des Langhauses waren hintereinander die elf geschmückten Glocken aufgestellt. Um 16 Uhr begann die Feier, vorher schon beteten die Bischöfe und Prälaten in der großen Sakristei die vorgeschriebenen sieben Bußpsalmen. Da der Dom die gewaltige Besuchermenge nicht fassen konnte, wurde die Konsekration auf den Domplatz übertragen. Nach Beendigung der Glockenweihe weihte der Erzbischof von Köln Kardinal Dr. Joseph Frings die neue Hauptorgel auf der Westempore. Erstmals erklang das neue Geläute am Allerheiligentag 1960 zum Pontifikalamt. Um 9.45 Uhr begannen die elf neuen Glocken zu läuten, um 9.50 Uhr erklang die Pummerin und um 9.55 Uhr läuteten alle Glocken des Domes mit ihr zusammen.
Die folgende Aufstellung nennt den Patron jeder Glocke, ihr Gewicht, ihre Tonlage ihren Spender und den Konsekrator.
- Hl. Stephanus, 5700 kg; Ton g; Österreichische Bundesregierung; Erzbischof Kardinal DDr. Franz König, Wien - Hl. Leopold, 2300 kg; Ton c/1; Kuratorium für die Erhaltung des Stephansdomes; Erzbischof Mesrop Habozian, Generalabt der Mechitaristen-Kongregation, Wien - Hl. Christophorus, 1350 kg; Ton es/1; Kammer der gewerblichen Wirtschaft; Erzbischof-Koadjutor Dr. Franz Jachym, Wien - Hl. Leonhard, 950 kg; Ton f/1; Österreichischer- Bauernbund; Diözesanbischof Stephan Laszlo, Eisenstadt - Hl. Josef, 700 kg; Ton g/1; Österreichischer Arbeiter- und Angestelltenbund; Weihbischof DDr. Josef Streidt, Wien - Hl. Petrus Canisius, 400kg; Ton b/1; Erzbistum Wien ("mensa episcopalis") und Erzdiözese Wien; Kan. Prälat Dr. Franz Gundl, Domkantor bei St. Stephan - Hl. Pius X., 280 kg; Ton c/2; Dompfarre St. Stephan und Wiener Oratorium; Kan. Prälat Dr. Karl Rudolf, Domscholaster bei St. Stephan - Alle Heiligen, 200 kg; Ton d/2; Metropolitan- und Domkapitel zu St. Stephan; Kan. Prälat DDr. Jakob Weinbacher, späterer Weihbischof in Wien - Hl. Clemens Maria Hofbauer, 120 kg; Ton f/2; Erzbischöfliche Cur zu St. Stephan; Generalabt Prälat Gebhard Koberger CanReg, Stift Klosterneuburg - Hl. Michael, 60 kg; Ton a/2; Jugend der Dompfarre St. Stephan; Abtpräses Prälat Karl Braunstorfer OCist, Stift Heiligenkreuz - Hl. Tarzisius, 35 kg; Ton c/3; Kinder der Dompfarre St. Stephan; Abt Prälat Dr. Hermann Peichl OSB, Schottenabtei Wien
Im Turmhelm des Südturms hängen noch die Primglocke und die Uhrschälle (beide aus dem 14. Jahrhundert), die durch ihren Schlag die Uhrzeit bekannt geben.
Die Läutordnung von St. Stephan:
Zum Angelus (07.00 Uhr, 12.00 Uhr und 19.00 Uhr) und vor den Abendgottesdiensten (16.45 Uhr und 17.45 Uhr) läutet an Wochentagen die Christophorusglocke, an Sonn- und kirchlichen Feiertagen zum Angelus die Leopoldsglocke. Beim abendlichen Betläuten gedenkt anschließend die Clemensglocke der Verstorbenen. Zum Gedenken an die Todesstunde des Herrn am Freitag um 15.00 Uhr erhebt die Leopoldsglocke ihre Stimme.
Das gesamte Festgeläute erklingt an allen hohen Feiertagen vor dem Hochamt und dann, wenn der Erzbischof dem Gottesdienst vorsteht. Bei solchen Anlässen läutet man 15 Minuten vor Beginn die Stephansglocke. Bei ganz besonderen Gelegenheiten erklingt eine halbe Stunde vorher das "Asperges-Geläute" (Kantnerin, Fehringerin, Bieringerin und Churpötsch). Man kann es auch jeweils zur Ersten und Zweiten Vesper an Sonn- und Feiertagen sowie zur Maiandacht hören. Die Feuerin wird zum abendlichen Betläuten verwendet, wenn im Dom eine liturgische Feier stattfindet und das Läuten der Glocke im Hohen Turm den Gottesdienst stören würde.
Läutordnung an Sonn- und Feiertagen:
Samstag 16.45 Uhr zur Ersten Vesper: Aspergesgeläute 17.45 Uhr zur Vorabendmesse: Festgeläute außer der Stephansglocke 19.00 Uhr: Leopoldsglocke und Clemensglocke Sonntag: 07.00 Uhr: Leopoldsglocke 08.45 Uhr: Leopoldsglocke 10.00 Uhr: Leopoldsglocke oder Stephansglocke 10.07 Uhr: Festgeläute, an Hochfesten und bei
Anwesenheit des Erzbischofs inklusive der Stephansglocke
12.00 Uhr: Leopoldsglocke 16.45 Uhr: zur Zweiten Sonntagsvesper: Aspergesgeläute 17.45 Uhr: Leopolds-, Christophorus-, Josefs-, Canisius- und Piusglocke 19.00 Uhr: Leopoldsglocke und Clemensglocke
Quellen: Domarchiv St. Stephan
Flieder-Loidl, Stephansdom. Zerstörung und Wiederaufbau, Wien 1967
Gruber Reinhard H., Die Domkirche St. Stephan zu Wien, Wien 1998
Rejda Georg, Die Glocken von St. Stephan (Manuskript), Wien o.J. |
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